Überblick der Kontroverse
Mehr als 100 prominente deutsche Schriftsteller und Künstler haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie ankündigen, nicht in einer der führenden Kultursendungen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens aufzutreten. Anlass ist die Entscheidung des Senders ARD, den Autor Thilo Mischke als neuen Co-Moderator der Sendung ttt – Titel, Thesen, Temperamente einzusetzen. Mischke steht wegen Vorwürfen des Sexismus und Rassismus in seiner früheren Arbeit in der Kritik.
Die Entscheidung und ihre Folgen
Die ARD hatte Ende Dezember angekündigt, dass Mischke, 43, die Kultursendung ab Februar 2025 gemeinsam mit der bestehenden Moderatorin Siham El-Maimouni moderieren würde. Mischke ersetzt damit Max Moor, der seit 2007 Gastgeber der Sendung war. Die Entscheidung löste umgehend eine Welle der Empörung aus, insbesondere nachdem die Journalistinnen Annika Brockschmidt und Rebekka Endler in einem feministischen Podcast auf problematische Inhalte in Mischkes Büchern und Kommentaren hingewiesen hatten.
Kritik an Mischkes früheren Werken
In seinem Buch Around the World in 80 Women aus dem Jahr 2010 beschreibt der Erzähler seine Versuche, mit 80 Frauen aus verschiedenen Ländern intime Beziehungen einzugehen, wobei er ethnische Stereotype benutzt. Auch sein Werk The Love of Your Life Doesn’t Need Big Breasts von 2013 geriet erneut unter die Lupe. Mischke hat sich 2021 öffentlich von Teilen seiner früheren Arbeiten distanziert, doch Kritiker bezeichnen diese Bemühungen als unzureichend.
Besonders kontrovers waren Kommentare Mischkes aus einem Podcast von 2019, in dem er erklärte, männliche Sexualität sei möglicherweise „ursprünglich von Vergewaltigung geprägt“. Diese Aussage wurde von vielen als besonders problematisch eingestuft.
Der offene Brief und die Forderungen
In dem offenen Brief äußerten sich bekannte Persönlichkeiten der deutschsprachigen Kulturszene, darunter die Bestsellerautoren Saša Stanišić, Margarete Stokowski und Anne Rabe, der Schauspieler Julius Feldmeier (Kleo auf Netflix) und der österreichische Fotograf Stefan Draschan. Sie zeigten sich „entsetzt“ über die Entscheidung der ARD und kündigten an, die Sendung zu boykottieren, solange Mischke als Moderator tätig ist.
„Wir wollen begeisterte Moderator:innen, die sich für Kultur interessieren“, heißt es in dem Brief. „Menschen, die sensibel und einfühlsam sind und die Komplexität zeitgenössischer kultureller Debatten verstehen und vermitteln können.“
Reaktionen der ARD und Mischkes Verteidiger
Die ARD reagierte auf die Kritik mit einer Erklärung auf Instagram und betonte, dass die Vorwürfe gründlich geprüft würden. „Wir hören zu“, schrieb der Sender und erklärte, dass die Sendung sich klar gegen Sexismus und toxische Männlichkeit positioniere. Dennoch steht die Entscheidung, Mischke zu engagieren, weiterhin im Zentrum der Debatte.
Während einige Künstler und Journalisten Mischke verteidigen, argumentieren andere, dass er aufgrund seiner journalistischen Verdienste eine Chance verdient habe. ProSieben, ein kommerzieller Sender, für den Mischke mehrfach preisgekrönte Reportagen erstellt hat, schrieb auf X (ehemals Twitter): „Was für eine Hexenjagd gegen Thilo Mischke. Wir schätzen ihn, weil er unglaublich wichtige Reportagen geliefert hat, die viele Preise gewonnen haben.“
Mischkes journalistische Erfolge
Mischke gewann 2023 einen renommierten deutschen Fernsehpreis für eine Reportage über die Taliban in Afghanistan. Zudem wurde er für seine Dokumentationen über deutsche Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat und über rechtsextreme Netzwerke in Deutschland gelobt. Unterstützer wie der Journalist Hasnain Kazim argumentieren, dass es falsch sei, Mischke auf ein „dummes Buch, das er vor 15 Jahren veröffentlicht hat“, zu reduzieren.
Kulturelle Bedeutung von ttt
ttt – Titel, Thesen, Temperamente ist seit seiner Erstausstrahlung im Dezember 1967 eine feste Größe im deutschen Fernsehen. Die wöchentliche Sendung bietet Interviews und Beiträge über die neuesten kulturellen Entwicklungen in der deutschsprachigen Welt und darüber hinaus. Kritiker wie Gerrit Bartels, Kulturredakteur der Berliner Tageszeitung Tagesspiegel, bemängeln jedoch, dass Mischkes Berufung die „nachlässige, untergeordnete“ Rolle der Kultur in Deutschland widerspiegele, besonders in Zeiten drastischer Budgetkürzungen.
Der größere Kontext
Die Kontroverse wirft wichtige Fragen auf: Sollten frühere Werke und Aussagen eine Person für öffentliche Rollen disqualifizieren, selbst wenn sie sich weiterentwickelt hat? Oder sollten berufliche Erfolge und eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit berücksichtigt werden? Zudem stellt sich die Frage, ob öffentlich-rechtliche Sender bei der Auswahl von Moderatoren kulturelle Sensibilität stärker in den Fokus rücken sollten.
Fazit
Die Debatte um Thilo Mischke spiegelt die Spannungen zwischen künstlerischer Freiheit, öffentlicher Verantwortung und kultureller Repräsentation wider. Während seine Unterstützer auf seine journalistischen Verdienste hinweisen, sehen Kritiker in seiner Berufung ein falsches Signal. Die Zukunft von ttt und Mischkes Rolle in der Sendung bleibt vorerst ungewiss.
